maandag, juli 6

Die US-Mannschaft müsste ausgeschlossen werden

Pinterest LinkedIn Tumblr +

Dies ist die d deutsche Version eines Artikels von François Colin über die Affäre Balogun auf dieser Website

Noch bevor der Anpfiff zum Spiel zwischen den USA und Belgien im Lumen Field in Seattle ertönt, bleibt jedem Fußballfan ein bitterer Nachgeschmack. Die FIFA hat bereits im Vorfeld Partei ergriffen und vor allem ihre eigenen Statuten missachtet. Politische Einmischung ist vom Weltfußballverband strikt untersagt. Eigentlich hätte der US-amerikanische Fußballverband suspendiert werden müssen.

Thomas Tuchel brachte es nach Englands heroischem Kampf gegen Mexiko im Aztekenstadion (2:3) auf den Punkt: „Balogun hat keine rote Karte verdient. Der VAR hat eingegriffen und eine Entscheidung wurde getroffen. Wer hebt diese Entscheidung auf? Wann? Und auf welcher Grundlage? Ich will eine einheitliche Linie. Declan Rice hat keine gelbe Karte verdient. Michael Olise hat keine gelbe Karte verdient. Wo fängt das an, und vor allem: Wo hört das auf? Sollen wir gegen den Platzverweis von Quansah Berufung einlegen? Oder soll Harry Kane Donald Trump anrufen?“

Wie konnte Amerika so kleinlich sein, Druck auf die FIFA auszuüben? Und wie konnte die FIFA so töricht sein, einem Anruf aus dem Weißen Haus nachzugeben und die rote Karte gegen Folarin Balogun aufzuheben? Das widerspricht allem, wofür die FIFA seit 122 Jahren einzustehen behauptet. „Keine politische Einmischung“ lautet seit jeher das Credo in Zürich. Die FIFA-Funktionäre betonen seit Jahrzehnten, über der Politik zu stehen. Dutzende nationale Fußballverbände wurden suspendiert, weil Regierungen sich in ihre Angelegenheiten eingemischt hatten.

Noch im vergangenen Jahr wurde Nepal suspendiert, weil Politiker in das Fußballgeschäft eingegriffen hatten. Haiti durfte bei dieser Weltmeisterschaft kein Trikot tragen, das an die eigene Unabhängigkeit erinnerte. Zu politisch. Wenn die FIFA in all den Jahren eine Regel konsequent durchgesetzt hat, dann das Verbot politischer Einfluüsse auf den Sport.

Außer bei dieser Weltmeisterschaft. Der Iran durfte amerikanischen Boden nur kurz betreten, um Fußball zu spielen. Ein somalischer Schiedsrichter erhielt ebenso wenig ein Visum wie mehrere Fans. Und dann telefonierte Donald Trump mit Gianni Infantino. Einfach beschämend. Der US-amerikanische Fußballverband hätte suspendiert und die Nationalmannschaft folglich von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen werden müssen.

Die Ironie der Geschichte ist offensichtlich. Trump setzt sich für Balogun ein – einen Spieler, der nur deshalb für die USA spielberechtigt ist, weil er dort geboren wurde. Seine Eltern stammen aus Nigeria. Der Stürmer hat nahezu sein gesamtes Leben in England verbracht. Geboren wurde er in Brooklyn, weil seine Mutter während eines Aufenthalts in New York die Rückreise nach London nicht mehr antreten durfte: Die Ärzte befürchteten eine Geburt während des Fluges. Folarin kam zwei Monate zu früh zur Welt – in den Vereinigten Staaten. Er ist ein Musterbeispiel für das Geburtsortsprinzip (ius soli): man ist Amerikaner nur aufgrund des Geburtsortes.

Ausgerechnet Donald Trump kämpft seit Jahren gegen dieses Geburtsortsprinzip. Erst vergangene Woche wurde er vom Obersten Gerichtshof endgültig in seine Schranken gewiesen. Und nun verteidigt er ausgerechnet jemanden, der nach seiner eigenen politischen Überzeugung gar kein Amerikaner sein dürfte.

Feiglinge

Dass sich der Präsident eines Gastgeberlandes in Angelegenheiten der FIFA einmischt, ist beispiellos. Man stelle sich vor, Wladimir Putin hätte während der Weltmeisterschaft 2018 ähnlich gehandelt. Auf der anderen Seite des Atlantiks wäre die Empörung grenzenlos gewesen.

Ganz ohne Beispiel ist dieser Vorgang allerdings nicht. Vergleichbare Fälle gab es 1962 bei Garrincha, vor der Weltmeisterschaft 2014 im Fall des Franzosen Laurent Koscielny und nun vor dieser Weltmeisterschaft bei Cristiano Ronaldo. Drei Fälle in beinahe einem Jahrhundert.

Die Affäre zeigt, welchen Stellenwert Donald Trump den Ergebnissen dieser Weltmeisterschaft beimisst. Und sie zeigt, was für ein Feigling Gianni Infantino ist. Das spielt Fairsquare, der Menschenrechtsorganisation, in die Hände, die im September offiziell Beschwerde gegen den FIFA-Präsidenten einreichen will. Weder die FIFA noch die USA dürfen mit diesem Vorgehen durchkommen.

Infantino stellt sich bald erneut zur Wahl. Wird der Belgische Fußballverband diesem Schurken wieder seine Stimme geben? Und wo bleibt der Protest der übrigen europäischen Verbände? Was für ein Haufen Feiglinge. Kein einziger Verband dürfte seine Wiederwahl unterstützen. Wahrscheinlich wird sich der Widerstand erneut auf Norwegen beschränken.

Meiner Ansicht nach hätte Balogun gegen Bosnien keine rote Karte sehen dürfen. Dennoch gefährdete er die körperliche Unversehrtheit seines Gegenspielers. Die Entscheidung des VAR, anschließend vom Schiedsrichter bestätigt, war daher durchaus vertretbar. Wird eine solche Entscheidung nachträglich aufgehoben, dann kann – nein, dann muss – künftig Woche für Woche in jeder Liga jede umstrittene rote Karte überprüft werden.

Das Merkwürdige ist allerdings, dass die Sperre gar nicht aufgehoben wurde. Sie wurde lediglich zur Bewährung ausgesetzt.

Ungerechtigkeit

Der Belgische Fußballverband hat würdevoll und angemessen reagiert. Er musste Berufung einlegen – auch wenn dies vermutlich kaum etwas ändern wird. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne benötigt normalerweise rund 48 Stunden, um über einen solchen Fall zu entscheiden. Wurde die Entscheidung deshalb erst am Tag vor dem Spiel bekannt gegeben? Es bleibt abzuwarten, ob der Belgische Fußballverband den Fall nachträglich noch nach Lausanne bringen kann.

Doch Belgien ist – wie schon 1974 gegen Polen – noch lange nicht geschlagen. Vielleicht betreten die Roten Teufel den Platz heute Abend sogar selbstbewusster denn je. Moralisch stehen sie auf der richtigen Seite. Die Amerikaner dagegen haben mit dieser Affäre vor allem ihre Verunsicherung offenbart. Das Verhalten der FIFA müsste die belgische Mannschaft eher stärken als schwächen. Wer nach so viel Ungerechtigkeit nicht tausendprozentig motiviert und fokussiert ist, mit dem stimmt etwas nicht.

Die amerikanischen Spieler sind Profis. Sie kennen die Regeln und wissen, dass diese Entscheidung unfair ist. Wird sie sie beeinflussen? Und wie wird das amerikanische Publikum reagieren, das Fairness im Sport traditionell einen hohen Stellenwert einräumt? Zumal in Seattle, wo Donald Trump alles andere als beliebt ist.

Die Roten Teufel sollten Balogun jedenfalls nicht überbewerten. Der Stürmer der AS Monaco ist ein guter Spieler, aber weder Messi noch Kane. Erst vor wenigen Monaten gewann Belgien in Atlanta mit 5:2 gegen die USA – Balogun stand damals übrigens ebenfalls auf dem Platz.

Guantánamo

Die entscheidende Frage lautet nun: Was geht im Kopf des jordanischen Schiedsrichters vor? Ein Mann, der es nicht gewohnt ist, Spiele dieser Größenordnung zu leiten. Wie soll er dieses Vorgehen anders verstehen als als Eingriff seiner Vorgesetzten bei der FIFA zugunsten des Gastgebers? Ist es wirklich so abwegig, dass er sich nun ebenfalls unter politischem Druck gesetzt fühlt? Ein Flug nach Alcatraz oder Guantánamo? Gewiss – das ist eine absurde Vorstellung. Doch mit diesem orangefarbenen Clown im Weißen Haus scheint inzwischen fast alles möglich.

PS: Der norwegische Nationaltrainer Ståle Solbakken sagte nach dem Sieg gegen Brasilien: „Das ist ein schwerwiegender Fehler der FIFA. Der Spieler hat Rot gesehen. Das bedeutet normalerweise eine Sperre von einem Spiel. Das eigentlich Traurige ist, dass immer dann, wenn die USA Belgien schlagen, irgendetwas hängen bleiben wird.

Die Belgier werden wütend sein. Was passiert nach der nächsten roten Karte? Hebt dann wieder irgendeine Kommission die Entscheidung auf? Das ist eine schlechte, schlechte, schlechte Entscheidung. Eine Entscheidung, die sowohl der Weltmeisterschaft als auch den Vereinigten Staaten schaden wird.“

Share.

About Author

François Colin (1948) was achtereenvolgens rubriekleider voetbal en chef-sport van Het Nieuwsblad en senior writer van De Standaard. Na zijn pensioen in 2014 was hij tot 2021 columnist van SportVoetbalmagazine. Hij bracht verslag uit van twee Olympische Spelen, tien EK's en negen WK's voetbal en was aanwezig bij ruim driehonderd interlands van de Rode Duivels. Hij is auteur of co-auteur van een vijftiental boeken over de mooiste sport op aarde.

Leave A Reply